International Church Reform network

priest and reform-movements working together

Die Reform der Reform

Katholische Reformbewegungen und Pfarrer-Initiativen trafen sich, um über ihre Arbeit zu reflektieren und sich für zukünftiges Lernen zu vernetzen. Ein Beispiel, was „ecclesia semper reformanda“ bedeutet.

Markus Heil

Das International Church Reform Network ICRN (www.icrn.info)traf sich im Juni 2018 in Pezinok in der Nähe von Bratislava zu einer viertägigen Tagung. In diesem Netzwerk treffen sich die Verantwortlichen und Vordenker verschiedener Reformbewegungen zusammen mit reform-orientierten Einzelpersonen.

Die slowakischen Gastgeber gaben in Pezinok zuerst eine grundlegende Einführung in ihre Geschichte der Verborgenen Kirche in der Slowakei während der Zeit der Kommunismus. Schnell tauchte die Frage auf, ob die katholische Kirche auch ein totalitäres System sei und welche Aspekte man daher mit den Jahrzehnten des Kommunismus vergleichen könne.

Ist die Idee einer Parallel-Gesellschaft, wie sie die Mitglieder der Charta 77 entwickelt hatten, auch auf heutige kirchliche Reformbemühungen anwendbar? Das würde bedeuten, dass zuerst in einer Parallel-Kirche gewisse Neuerungen und Haltungen eingeübt werden, bevor sie sich auch für das grössere Ganze durchsetzen. Ist aber eine Reform des gegenwärtigen klerikalen Systems, welches so eng mit der römischen Kurie verknüpft ist, überhaupt realistisch? Oder sollte für die Idee einer Parallelkirche nicht ein erstes Ziel sein, nicht mehr das alte System zu bekämpfen, sondern an neuen alternativen Wegen des Kirche-Seins zu bauen?

 

Die Diskussionen um die Charta 77 mit Prof. Martin Palous und die Zeilen zur Hoffnung von Vaclav Havel ermunterten uns alle, uns auch von unseren eigenen Heldinnen und Helden der Reform eine Scheibe „Mut“ abzuschneiden. Diese Heldinnen und Helden inspirierten die Konferenz, aus der Vergangenheit zu lernen, die Tiefe ihrer philosophischen Reflexion zu erfassen, um dann eine wesentliche neue Betrachtungsweise und Richtung zu eröffnen.

Die Verborgene Kirche gab den Teilnehmenden auch einen Einblick, dass es nicht nur laute und extrovertierte Formen des Protestes gibt. Es gibt auch Zeiten der stillen und verborgenen Reform, wenn Menschen mit ihrem Mut und ihrer Ausdauer etwas Neues im Verborgenen hervorbringen und ihm Dauer verleihen. So nehmen die Teilnehmenden verschiedene Unterscheidungen für sich mit, wann man aufstehen und laut auftreten muss und wann man im Stillen die gute Arbeit fortsetzt – ohne Aufmerksamkeit der Medien.

In den Zeiten der Unterdrückung entwickelte die Verborgene oder Untergrundkirche eine Theologie der Sterbenden Kirche und eine Theologie der Krise. Solche Überlegungen waren Ausgangspunkt für neue theologische Diskussionen in den 1970ern und 1980ern, als grosse Teile der dortigen Kirche starben. Wenn wir die heutige Situation der Kirche betrachten, können wir durchaus Parallelen entdecken, woraus ebenfalls theologische Fragen entstehen, die unsere Aufmerksamkeit brauchen und unsere Kreativität anregen.

Ein Bewusstseinswandel

Während der Konferenz in Pezinok wurden die bisherigen 4 Arbeitsgruppen auf 7 erweitert und ihr Fokus präzisiert:

Die AG Grundrechte in der Kirchestellte in ihrem Zwischenbericht schmerzhaft fest, dass sich viele Katholinnen und Katholiken mit dem Mangel an Rechten in der Kirche abgefunden haben. Und obwohl sie sich in ihrem Alltag für Rechte in den demokratischen Staaten einsetzen, ist ihnen der Mangel dieser Rechte in ihrer eigenen Kirche kaum bewusst. Für die Allgemeinheit erscheint die Kirche als traditionelle Alternative zur gegenwärtigen Gesellschaft. Wie also können wir ein neues Bewusstsein wecken, wo die Grundrechte der Gläubigen der Lunge der Kirche neue Luft zufügen?

Hier gab die Charta77 ein Beispiel, möglichst prägnant den neuen Geist der Zeit zu beschreiben, der auch vor den anderen Institutionen nicht Halt macht. Weil die Charta 77 die Schlusserklärung von Helsinki zitierte, wurde der grosse Graben zwischen den Menschenrechten auf dem Papier und der Realität der Unterdrückung mehr als deutlich. Nun wird die Arbeitsgruppe ebenfalls die Aufgabe in Angriff nehmen, den Katalog der Menschenrechte von der ganzen Breite auf die wichtigsten Grundbausteine zu reduzieren.

Die AG „neue Modelle der Seelsorge“ traf sich ursprünglich, um das von Bischof Fitz Lobinger entworfene Modell der Weihe von Priestern aus den Gemeinden zu diskutieren und voranzutreiben. Diese Pionierarbeit ist in der letzten Zeit auf grosses Interesse gestossen, da es sehr gut half, die Diskussion um den bisher einzigen Weg zum geweihten Priesteramt für Männer, Zölibatäre und Akademiker zu weiten. Team-Priester aus und für die Gemeinden waren der Ausgangspunkt der Diskussion. Aber immer weniger ging es dann um «Weihe», sondern um den eucharistischen Hungers in der Welt und die Sorge um die vielen kleinen Gemeinschaften, die in der ganzen Welt verstreut sind, und wie die Eucharistie dort gefeiert wird und lebendig bleibt. Unbestreitbar brauchen die Fragen um das Priesteramt, das Sakramenten-Verständnis an sich und die Eucharistie im speziellen und die Gemeinschaft unsere weitere Aufmerksamkeit und die richtige Schwerpunkt-Setzung.

Die Arbeitsgruppe zu „Gleichberechtigung der Frauen“ stellte ihre bisherige Arbeit mit den „storytelling-circles“ „Geschichten-Erzähl-Kreisen“ vor: Wie geht es Frauen als Frauen in unseren Pfarreien?

Dabei wurde schnell klar, dass Gleichberechtigung und Gleichheit keine zusätzlichen oder optionalen Fragen der Kirche sind, sondern wesentliche Bedingung. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hängt davon ab, ob sie praktiziert, was sie verkündet. Die Kirche kann nur von Gerechtigkeit reden, wenn sie in ihren internen Abläufen eine solche Gerechtigkeit praktiziert. Und es gibt viele Bereiche der katholischen Kirche, auf verschiedensten Ebenen, in denen die Standards des gleichberechtigten Diskurses, der gesetzlichen Strukturen oder der finanziellen Transparenz nicht auf dem heute zu erwartenden Stand sind, geschweige denn Vorbildcharakter haben könnten.

Die LGBTQI Arbeitsgruppehat ihren Schwerpunkt ebenfalls verändert. Es ist wichtig, etwas innerhalb von ICRN selbst zu tun, weil ein allgemeines Bedürfnis nach mehr Informationen besteht. Die Erfahrung zeigt auch, dass die meisten römisch-katholischen LGBTQI Gruppen mehrheitlich (wenn nicht ausschliesslich) aus schwulen Männern bestehen. So ist die wichtige Fragestellung: Wie wird man wirklich inklusiv und wer sind die Menschen, die noch eingeschlossen werden müssen?

Eine neue Arbeitsgruppe zur „Synodalität“ setzt einen klaren Schwerpunkt darauf, einige schriftliche Dokumente zu erstellen, welche die Schlüsselbegriffe und Visionen der Reformbewegungen erklärt. Dies ist auch der Ort, an dem die Mitarbeiter von Universitäten in den Bewegungen ihren Platz finden. Ein solches Beispiel war der Impuls von Hermann Häring. Er erklärte, dass die heutigen Theologien zum Bischofsamt und deren Lehrautorität in sich selbst narzisstisch sind und daher jede narzisstische Neigung der bischöflichen Amtsträger unterstützen. Die Probleme der Theologie zu identifizieren und sie von der Psychologie der involvierten Personen zu unterscheiden, könnte sowohl helfen, die Schwierigkeiten der Theologie zu lösen, wie auch die Auswahl des Personals zu verbessern. Jeder, der unfehlbar genannt wird, ist in grosser Gefahr ein Narzist zu werden.

Eine weitere Arbeitsgruppe klärt, was wir in der Amtszeit von Papst Franziskus lernen, so dass wir das Profil und die Erwartungen an zukünftige Päpsteklären können.

Die siebte Arbeitsgruppe überlegt aktivistische Aktionen, um während der nächsten Synodedie Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass nur Bischöfe reden und abstimmen werden und daher 99,9% des Volkes Gottes ausgeschlossen sein werden. Es wird ein bleibender Einsatz sein, um die Aufmerksamkeit zu Gunsten einer Vielfalt der katholischen biographischen Erfahrungen in den Entscheidungsprozessen zu steigern. Ein besonderer Schwerpunkt gilt dabei der legitimen und wesentlichen Vertretung von Frauen an den Synoden.

Allgemeine Richtung

In der heutigen Welt haben die Reformbewegungen einen gewissen Schwung verloren und das ihr zugrundliegende Narrativ kommuniziert nicht mehr gut. Deshalb wird ein „update der Kirchenreform“ diskutiert, ist aber weit von einem Abschluss entfernt.

Dennoch bleiben von der „Kirchenreform2.0“ einige Hausaufgaben noch zu tun: Die Zukunft ohne Frauen und ohne Verheiratete als Entscheidungsträger ist schlicht nicht mehr vorstellbar. So wollen wir uns vernetzen mit den Erneuerungsenergien der heutigen Jugend, mit ihrem schnellen und weiten Engagement zu verschiedenen Themen: von der #MeToo Bewegung zum Kampf über bessere Waffenkontrolle in den USA bis zur jüngsten Beteiligung von Jugendlichen an den politischen Protesten in der Slowakei. Wir werden diese Bewegungen nicht kopieren, sondern nach Wegen suchen, uns mit den Errungenschaften dieser Bewegungen zu verbinden und unsere Gesellschaft auch in ihrer spirituellen Dimension voranzubringen. Das wird die grosse Herausforderung für alle Kirchenreform in den nächsten Jahren.

Für diese nächsten Schritte braucht es neue Bilder und neue Erzählungen, um mit den Jungen (im Alter und im Bewusstsein) und mit den Menschen, die sich nach einer gemeinschaftlichen Spiritualität mit all ihren politischen und sozialen Implikationen sehnen, zu kommunizieren. Diese neuen Erzählungen können wohl nur in jenen Gruppen geboren werden, die sich weitgehend vom Bisherigen schon gelöst haben.

Während der Konferenz in Pezinok waren wir zu einem gewissen Teil noch sehr mit dem Loslassen des Alten beschäftigt und noch nicht mit dem Erschaffen von Neuem. Wir konnten uns die Kirche als Titanic vorstellen, auf der einige immer noch die Speisekarte von morgen studieren, während andere die Rettungswesten und die Rettungsboote organisieren. Oder wir sahen im klerikalen System einen alten Dinosaurier, bei dem wir es selbst in der Hand haben, wie lange wir ihn noch füttern oder ob wir ihn sterben lassen, indem wir unsere Aufmerksamkeit neu ausrichten.

Weitere Treffen des Netzwerks sind geplant, da mit dem immer besseren Kennenlernen der Verantwortlichen der Reformbewegungen nicht nur Freundschaften wachsen, sondern auch die gegenseitige Zusammenarbeit und das gemeinsame Lernen differenzierter werden: wir erkennen unterschiedliche Standpunkte, blinde Flecken und können auch Tränen und Schmerzen ansprechen. Dies scheint uns ein guter Boden, um neue Setzlinge des Wachstums in unserer Kirche zu setzen.

Ganz herzlichen Dank den slowakischen Gastgebern, den Teilnehmenden, den Organisatoren und den Sponsoren.

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